Buchtipp für Eltern: Lieber chillen?

Fertig mit der Schule – und dann? Statt sich voller Elan in ihr angehendes Berufsleben zu stürzen, verfallen immer mehr Absolventen in Lethargie. Die Wissenschaftsjournalistin Ulrike Bartholomäus setzt sich mit diesem Phänomen auseinander und zeigt sowohl Ursachen als auch Auswege aus der Orientierungslosigkeit. Interessanter Ansatz: Viele Fallstudien entstand durch Interviews unter Gleichaltrigen. Herausgekommen ist dabei ein buntes Puzzle aus Persönlichkeiten und Lösungen.

Das haben die wenigsten Eltern erwartet. Da ist die Schule endlich abgeschlossen, sei es mit Einser-Durchschnitt oder mit Ach und Krach, und statt begeistert ins Leben zu starten, fühlen sich die jungen Erwachsenen „blockiert“. Zu Hause wird erst gechillt  und dann gestritten. Dabei wollen die Eltern doch nur das Beste für ihren Nachwuchs, alles könnten die machen, Studium, Lehre, Auslandsjahr … wirklich alles! Doch genau da liegt häufig das Problem.

Ulrike Bartholomäus hat mit Pädagogen, Ärzten und Wissenschaftlern gesprochen und gefragt, was denn heute anders ist als bei früheren Generationen. Im ersten Teil ihres Buches beleuchtet sie die Ursachen der Ratlosigkeit und zeigt, welche psychischen Folgen der „digitale Lifestyle“ hat, wie die Kids zwischen Selbstüberschätzung und Versagensangst pendeln und warum zu viel Druck genauso in die Verweigerung führt wie gar keine Anleitung. Teil zwei befasst sich ausgiebig mit äußerst spannenden Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie: Die Pubertät beginnt heute früher und endet später als bei den Generationen zuvor, das Verhältnis zu den Eltern ist freundschaftlicher, der Übergang in die Erwachsenenwelt dafür schwieriger – warum sollte man sich auf eigene Füße stellen, wenn doch alles so schön bequem ist?

Was können Eltern also tun, um ihren Sprösslingen aus dem Motivationsloch zu helfen? In Teil drei plädiert die Autorin für eine Auszeit nach dem Schulabschluss – sofern diese sinnvoll genutzt wird. So viel sei verraten: All-inclusive-Urlaube bringen ebenso wenig wie Couchlümmeln; ganz anders sieht die Sache bei Rucksackurlauben und Freiwilligenprogrammen im Ausland aus. Im dritten Kapitel werden die Eltern auch selbst in die Pflicht genommen. Warum kontrollieren so viele ihre Kinder rundum, anstatt sie eigene Erfahrungen (und Fehler) machen zu lassen?

Ein paar sehr ernste Seiten widmen sich dem Cannabis-Konsum: Weil der Stoff heute wesentlich stärker ist als früher, richtet er weit größeren, teils irreversiblen Schaden an in den noch nicht fertig vernetzten Gehirnen.

Das letzte Kapitel holt alle jungen Menschen, die im Laufe der Geschichte als Suchende auftraten, noch einmal auf die Bühne. Kurz wird berichtet, wie es mit ihnen weiterging, wo sie jetzt stehen und dass eigentlich jeder von ihnen seinen Weg gefunden hat.

Fazit

Balsam auf den Seelen besorgter Eltern! Der gute Mix aus solider Information und abwechslungsreichen Geschichten liest sich schnell und tröstlich. Und die vielen Fallbeispiele liefern jede Menge Ideen, wie sich Nesthocker doch noch in die weite Welt hinauslocken lassen.

Ulrike Bartholomäus: „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“, 304 Seiten, berlin verlag, 16,99 Euro